ClaasTatje

Journalist

“Bitte, bitte, fliegt hier ab!”

Ryanair-Chef Michael O’Leary über Subventionen für Billigflieger und die Zukunft seines Lebenswerks.
VON CLAAS TATJE | © ZEIT

DIE ZEIT: Leben Sie auf diesem Planeten?

Michael O’Leary: Ich hoffe doch.

ZEIT: Arbeiten Sie für die Lufthansa?

O’Leary: Verdammt, nein! Ich denke, die würden mir nie einen Job geben.

ZEIT: Warum wirbt Ihr Unternehmen dann damit, die beliebteste Fluggesellschaft Europas zu sein? Das ist laut Umfragen 2010 die Lufthansa gewesen.

O’Leary: Nein, wir sind es! (er springt auf, wühlt in seinem Aktenschrank und zieht eine Statistik hervor) Hier, 2009: die Nummer eins im internationalen Verkehr, noch vor der Lufthansa. Wir befördern 65 Millionen Passagiere, Lufthansa 42 Millionen.

ZEIT: Aber, Herr O’Leary, Ihr Geschäftsmodell stirbt gerade.

O’Leary: Was? Unser Geschäftsmodell wird nicht zu Grabe getragen. Es ist erfolgreich. Das zeigen doch die Zahlen!

ZEIT: Aber die Regierungen mögen Ihr Geschäftsmodell nicht mehr. Fliegen zum Taxipreis ist nicht erwünscht, wenn das Klima gerettet werden soll.

O’Leary: Es ist egal, ob die Regierungen das mögen oder nicht. Die Verbraucher lieben unser Geschäftsmodell. Und jedes Jahr wachsen wir weiter.

ZEIT: Dieses Jahr werden Sie in Deutschland drei Millionen Passagiere weniger transportieren als noch 2010.

O’Leary: Das liegt an der Luftverkehrsabgabe von acht Euro, die der deutsche Staat für Passagiere auf der Kurzstrecke erhebt. Damit ist Deutschland nicht mehr wettbewerbsfähig. Ich kann bei deutlich geringeren Kosten lieber mehr Menschen nach Spanien oder Italien fliegen lassen. Ich folge den niedrigen Kosten.

ZEIT: Wir sitzen hier zwar in Dublin, aber im übrigen Europa sind Steuern nichts Ungewöhnliches.

O’Leary: Steuern für Fluggesellschaften schon. Die Niederländer haben sie eingeführt und wieder verworfen, die Belgier haben es versucht, die Iren haben sie reduziert, und die Einzigen, die es jetzt noch versuchen, sind Großbritannien und Deutschland. Wenn schon die Umwelt geschont werden soll, warum sind dann Lufthansas Cargoflüge ausgenommen? Das ist doch ein Raubüberfall eurer Regierung.

ZEIT: Ist Ihr Geschäftsmodell das eines Billigfliegers?

O’Leary: Wir sind ein Niedrigpreisflieger, der einzige.

ZEIT: Aber aus Sicht des deutschen Steuerzahlers sind Sie nie einer gewesen.

O’Leary: Können Sie das etwas genauer erklären?

ZEIT: Der Flughafen Lübeck…

O’Leary: …Hamburg-Lübeck…

ZEIT: Lübeck ist fast 70 Kilometer von Hamburg entfernt.

O’Leary: Der Verband Iata hat die offizielle Bezeichnung Hamburg-Lübeck genehmigt.

ZEIT: An diesem Flughafen sind mittlerweile über 30 Millionen Euro Verluste aufgelaufen. Und der größte Kunde ist Ryanair. Nehmen Sie einen Flughafen aus, wo immer es geht?

O’Leary: Hamburg-Lübeck war leer, ehe wir kamen, der hat schon früher Verluste gemacht. Kein Verkehr und lauter Beschäftigte, die nur Tee tranken, weil nichts zu tun war. Der Flughafen hatte dann die Möglichkeit, entweder dichtzumachen oder sich auf die Suche nach Kunden zu machen. Die Lufthansa würde dort nie hinfliegen, aber Ryanair macht es. Wir sagten zu Hamburg-Lübeck, wir fliegen euch an, wenn eure Kosten so niedrig sind wie woanders. Wir zwingen die zu gar nichts.

ZEIT: Sie missbrauchen Ihre Marktmacht und spielen Flughäfen gegeneinander aus.

O’Leary: Ich habe überhaupt keine Marktmacht.

ZEIT: Doch. Sie können in Frankfurt-Hahn landen oder in Hamburg-Lübeck oder in Düsseldorf-Weeze.

O’Leary: Das gibt mir aber noch keine Marktmacht. Ich kann denen doch nicht die Preise diktieren.

ZEIT: Aber Sie können sagen: Wenn Sie mich nicht zu einem bestimmten Preis hier abfliegen lassen, bin ich weg.

O’Leary: Sie drehen das gerade um. In Frankfurt-Hahn kam das Management zu uns und flehte: Bitte, bitte, fliegt hier ab! Das war ein alter Militärflughafen ohne Verkehr.

ZEIT: Brüssel überprüft gerade mindestens sieben Flughäfen, an denen illegale Beihilfen zugunsten Ryanairs im Spiel sein sollen.

O’Leary: Die in Brüssel tun alles, was die großen Airlines ihnen mit ihrem Lobbyapparat diktieren. Unser Abkommen mit dem Flughafen Brüssel-Charleroi wurde vom Europäischen Gerichtshof für rechtens befunden. Brüssel-Charleroi hat in den ersten Jahren Verluste gemacht, jetzt sind sie profitabel.

ZEIT: Finden Sie es denn nicht auch erstrebenswert, dass die EU-Kommission für einen funktionierenden Binnenmarkt eintritt?

O’Leary: Sie meinen, Brüssel kümmert sich um Wettbewerb und den Binnenmarkt? Verdammter Schwachsinn. Brüssel schützt die Monopole der einstigen Staatsairlines. Die Lufthansa durfte Austrian Airlines und Brussels Airlines kaufen. Air France konnte KLM kaufen. British Airways darf mit Iberia fusionieren. Die einzige Übernahme, die je abgelehnt wurde, war unser Gebot für Aer Lingus. Brüssel ist das Zentrum von ineffizienter Korruption und Verschwendung.

ZEIT: Sie klingen nicht wie jemand, der in zwei, drei Jahren in Rente gehen will.

O’Leary: Ich freue mich auf den Ruhestand.

ZEIT: Das ist kaum zu glauben.

O’Leary: Gut, da haben Sie recht. Ich freue mich auch nicht auf den Tod. Aber es ist unvermeidbar, dass ich Schluss mache mit diesem Job bei Ryanair. Wir werden von einem schnell wachsenden, erfolgreichen, innovativen Unternehmen mehr in die Lufthansa-Richtung gehen – groß, langweilig, geführt von Doktoren und Ingenieuren. Dann bin ich der Falsche für diesen Job.

ZEIT: Sie sind bis heute im Nebenberuf Landwirt, was machen Sie da genau?

O’Leary: Wir züchten Rinder und Pferde. Ich liebe das. Ich bin da aufgewachsen, und wenn ein Kalb geboren wird, ist es das Größte für mich. Es ist egal, wie toll man als Manager ist: Wenn Sie eine Geburt erleben, ist das nicht zu toppen. Und ich will, dass meine Kinder auf dem Land groß werden, an der frischen Luft und im Wald.

ZEIT: Was wünschen Sie Ihren Kindern, eine Karriere bei Ryanair?

O’Leary: Lieber nicht, das ist gefährlich, wenn man selber erfolgreich war. Die nächsten Manager sollen nicht O’Learys sein, sondern Deutsche, Spanier oder Polen. Die Generation nach mir im Management muss sich dann mit Lobbyarbeit rumschlagen und Interviews geben, wie sehr Ryanair sich um die Umwelt kümmert. Und dass die Kunden recht haben, selbst wenn sie Unfug erzählen.

ZEIT: Ihr Vermögen wird auf 300 Millionen Euro geschätzt, und Sie gehen noch immer morgens um halb sieben ins Büro. Treibt Sie Geld noch an?

O’Leary: Nein, nie. Es ging immer ums Gewinnen. Ein kleines irisches Unternehmen zu haben, ins Ausland zu gehen und die Briten, Franzosen, Deutschen, Spanier und Italiener zu schlagen.

ZEIT: Und das war aufregend?

O’Leary: Jedes Jahr, in dem wir Profite und niedrige Preise verkünden konnten, hat Spaß gemacht.

ZEIT: Was ist passiert in gerade mal 25 Jahren?

O’Leary: Die Billigflieger haben das Zusammenwachsen Europas ungeheuer unterstützt. Wir haben die Auswanderung innerhalb Europas im Grunde beendet, denn heute kann jeder am Wochenende nach Hause fliegen. Das ist doch toll.

ZEIT: Welche Menschen nutzen Ryanair?

O’Leary: Alle. Geschäftsleute, junge Leute, alte, Verheiratete, Verliebte, Familien mit Kindern, Auswanderer. Selbst Tony Blair ist schon mit uns geflogen.

ZEIT: Denken wir mal an 2014. Michael O’Leary züchtet Pferde. Was wird dann Ihr unternehmerischer Nachlass sein?

O’Leary: Wir haben den Luftverkehr in Europa dauerhaft verändert. Die Menschen werden nie wieder 200 Euro für einen innereuropäischen Flug bezahlen. Die Businessclass auf der Kurzstrecke ist tot. Wir haben die Art, wie der Luftverkehr organisiert wird, verändert. Es ist nicht länger ein Luxusgut für das reichste Prozent der Menschheit. Wir sind das Ikea der Luftfahrt.

ZEIT: Im vorigen Jahrzehnt feierten die Billigflieger ihren Durchbruch. Was kommt in diesem?

O’Leary: Wahrscheinlich gibt es am Ende des Jahrzehnts noch vier, fünf sehr große Fluggesellschaften: Air France/KLM, British Airways, Lufthansa, Ryanair und vielleicht easyJet. Drei davon werden den Langstreckenverkehr dominieren. Sie werden alle mit einer amerikanischen und einer asiatischen Fluglinie fusioniert haben. Und Europa gehört uns. Air Berlin wird bis 2020 von der Lufthansa gekauft oder gerettet worden sein. Am Ende werden die Deutschen noch mehr fürs Fliegen zahlen.

ZEIT: Was war in all den Jahren, seit Sie am Ruder sind, der größte Fehler von Rivalen wie der Lufthansa?

O’Leary: Sie haben nicht ernst genommen, dass die Leute weniger Geld für sicheres Fliegen ausgeben wollen. Die Lufthansa versucht noch immer krampfhaft, die Leute davon zu überzeugen, dass sie 700-Euro-Businessclass-Flüge auf Kurzstrecken wollen. Aber da machen die nicht mit.

ZEIT: Wer hat Ihnen beigebracht, dass keine Extras ziemlich sexy sein können?

O’Leary: Southwest Airlines in den Vereinigten Staaten. Deren Modell haben wir kopiert.

ZEIT: Was hat Sie dort am meisten beeindruckt?

O’Leary: Sie haben einfach alles vereinfacht. Ryanair wurde damals von ehemaligen Leuten der Staatsairline Aer Lingus geleitet. Die sagten: Wir müssen eine Businessclass haben, wir müssen Gratiskaffee haben, all dieser Quatsch. Es dauert dann nach der Landung eine Stunde, bis das Flugzeug wieder abhebt. Und dann sah ich, wie Southwest Airlines das Ganze wie einen Formel-1-Pitstop organisiert hatte. In zwanzig Minuten war das Flugzeug wieder startklar. Ich fragte: Warum können wir das nicht in Europa so machen?

ZEIT: Die Antwort?

O’Leary: »Ooh, das gefährdet die Sicherheit.« Was für ein Unfug. Und dann nehmen wir unseren Passagieren die Koffer weg und geben sie ihnen nach dem Flug zurück. Das ist dämlich. Bei der Lufthansa hat das nie irgendjemand infrage gestellt.

ZEIT: Wenn ich ein Lufthansa-Ticket kaufe, kenne ich zumindest den Preis vorher, bei Ryanair weiß ich erst, wenn ich im Flugzeug sitze, was mich der Flug tatsächlich kostet.

O’Leary: Wenn Sie bei uns ein Ticket kaufen, kennen Sie den Preis doch auch.

ZEIT: Nein, denn vielleicht wiegt ja mein Handgepäck zu viel, und ich muss Strafe zahlen.

O’Leary: Wir interessieren uns doch gar nicht für das Gewicht, sondern nur für die Maße.

ZEIT: Komisch, das Handgepäck der Ryanair-Passagiere wurde heute am Flughafen in Charleroi gewogen.

O’Leary: Bei allem Respekt, das ist wirklich eine bescheuerte Frage. Sie kennen alle Gebühren und Kosten, bevor Sie zum Flughafen fahren. Sie dürfen gar nicht buchen, ehe Sie allem zugestimmt haben.

ZEIT: Macht die Abzocke Ihrer Kunden Spaß?

O’Leary: Nein, wir wollen die Passagiere trainieren. Sie sollen so verreisen, dass wir möglichst geringe Kosten haben. Mit den Gebühren wollen wir nichts verdienen.

ZEIT: Das bezweifeln wir. Warum zum Beispiel wehren Sie sich so gegen eine transparente Preisgestaltung?

O’Leary: Wir sind die transparenteste Fluggesellschaft der Welt.

ZEIT: Haben Sie jemals online bei Ryanair gebucht?

O’Leary: Ja, immer.

ZEIT: Man hat den Eindruck, die ganze Internetseite besteht aus Mogeln und Betrügen.

O’Leary: Jetzt wird unser Gespräch furchtbar. Wir betrügen? Wir veröffentlichen alle Gebühren auf unserer Homepage, alles ist transparent.

ZEIT: Wer auf ryanair.com bucht, muss erst bestätigen, dass er keinen Samsonite-Koffer kaufen möchte, dann das Angebot für einen Mietwagen ablehnen und zum Schluss daran denken, auf bevorzugtes Einsteigen zu verzichten.

O’Leary: Haben Sie die Fähigkeit verloren, sich durch eine Homepage zu klicken? Wir wollen gerne Autos vermieten, aber es ist Ihre Entscheidung, wir geben Ihnen nur die Möglichkeit.

Leave a Response