ClaasTatje

Journalist

Der Angriffslustige

Er liebt die Kampagne: Thilo Bode bei einer Protestaktion gegen McDonald's 

Er liebt die Kampagne: Thilo Bode bei einer Protestaktion gegen McDonald's. Foto: Foodwatch

VON CLAAS TATJE | © DIE ZEIT

Als Greenpeace-Chef zwang er Shell in die Knie. Heute kämpft er gegen zu viel Zucker und Fett im Essen und streitet für besser gekennzeichnete Lebensmittel. Ein Portrait über den Foodwatch-Gründer Thilo Bode

Die Gefriertruhen summen, sie sind voll mit Fertigpizzen. So etwas würde Thilo Bode niemals kaufen. Genau genommen missfällt ihm fast jedes Produkt in diesem Supermarkt. Und gerade deshalb ist er jetzt hier, im Kaiser’s am Prenzlauer Berg in Berlin. Bode ist Chef des gemeinnützigen Vereins Foodwatch, er hat sich zur Aufgabe gemacht, die deutschen Verbraucher vor den Illusionen und Täuschungen der Nahrungsmittelindustrie zu schützen. Dafür attackiert er Produzenten und Händler.

An diesem Tag stellt er eine Verkäuferin an der Fleischtheke auf die Probe. »Sagen Sie mal«, fragt er, »ich habe gehört, Biofleisch ist gesünder als herkömmliches, stimmt das?« Die Frau stammelt, weicht aus. Sie weiß es nicht. Sie hat nicht einmal die Frage richtig verstanden. »Ob das anders schmeckt, kann ich ihnen leider nicht sagen«, sagt sie. Als sie rot wird, ist Bode berührt. »Die arme Frau«, sagt er später, schiebt dann aber schnell hinterher: »Wenn jemand in einen Elektroladen käme und so bedient würde, würde er eine Bombe schmeißen.«

»Wir greifen die Großen an, das erregt die meisten Emotionen«

Im Zweifel entscheidet er sich immer für die Attacke. Der 62-Jährige hat den Verein im Herbst 2002 gegründet, nach den Wirren des BSE-Fleischskandals. Das Startkapital kam von Sponsoren wie dem Versicherungserben Rolf Gerling. Foodwatch soll helfen, die Verbraucherrechte zu stärken, und streitet mit Konzernen wie Danone, Nestlé, Kraft Foods, Coca-Cola oder McDonald’s. Es geht um mehr Transparenz und bessere Information – auch an Fleischtheken. Dass sich Bode Verkäuferinnen vornimmt, kommt selten vor. »Wir greifen die Großen an, das erregt die meisten Emotionen, ist doch klar«, sagt er. Dabei ist er kein Schreihals, im Gegenteil. Man kann mit ihm zwei Stunden sprechen, ohne dass er ein einziges Mal die Stimme hebt. Er hat sich und seine Themen im Griff.

Ein wenig unsicher wirkt er auf der Bühne, als er eine Laudatio hält bei der Verleihung des Deutschen Nachhaltigkeitspreises, den eine Agentur mithilfe von Sponsoren ausgelobt hat. Der Auftritt vor Publikum behagt ihm nicht, das ist nicht seine Welt im Düsseldorfer Maritim Hotel. Bode trägt keinen Smoking, wie es der Dresscode vorschreibt, sondern einen schlichten, schwarzen Anzug. Er weiß: Die versammelten Unternehmer und Prominenten sind wichtige Multiplikatoren für Foodwatch. Und er freut sich, wenn Moderatorin Sabine Christiansen seinen Verein mit dem knappen Satz vorstellt: »Foodwatch guckt der Lebensmittelindustrie auf die Finger.«

Bode ist ein äußerst umtriebiger Mann. Stunden zuvor hat er eine Pressekonferenz in Berlin abgehalten. Er hat gegen das Verbraucherinformationsgesetz gewettert, weil es den Verbrauchern eben nicht das Recht auf Informationen über Produkte einräume. Und er hat einmal mehr auf das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz geschimpft. In dieser Rolle fühlt sich Bode deutlich wohler: Er greift lieber an, als dass er um neue Mitglieder wirbt. Und er wirkt auch souveräner, wenn er gegen die Goliaths in den Informationskrieg zieht.

Wie man gegen überaus mächtige Organisationen etwas ausrichten kann, das hat Bode bei Greenpeace gelernt. Dort war er zunächst fünf Jahre Deutschland-Chef, danach noch mal so lange Chef der gesamten Umweltschutzorganisation. Greenpeace war auf ihn aufmerksam geworden, weil er schon damals eine außergewöhnliche Biografie vorzuweisen hatte, wie sich Gründungsmitglied Gerhard Wallmeyer erinnert, der in der Bewerbungskommission saß.

Nach seiner Schulzeit hatte Bode einen Juso-Ortsverband im heimischen Herrsching am Ammersee gegründet. Er studierte Soziologie und Volkswirtschaft und arbeitete elf Jahre unter anderem für diestaatliche Förderbank KfW in der Entwicklungshilfe. Dann aber wechselte er zu einem mittelständischen Metallhändler, »weil ich die Nase voll hatte von einem Idealismus, der die Probleme der Unterentwicklung nicht lösen konnte«. Die neue Arbeit war ein normaler Managerjob, dabei aber überaus vielfältig. »Da habe ich an einem Tag das Klopapier gekauft und am nächsten ein Joint Venture eingefädelt«, sagt Bode.

In den Brüchen seines Berufsweg spiegeln sich Brüche in seinem Charakter. Das Establishment ist ihm zuwider, aber Weggefährten bei Greenpeace können sich nicht erinnern, ihn jemals ohne Krawatte auf dem Flur gesehen zu haben. Bode sei ein Kumpeltyp, aber er habe schon immer gern nach außen den Staatsmann gemimt, sagt ein früherer Mitschüler. Mit seinen Managerqualitäten krempelte Bode die basisdemokratische Greenpeace-Organisation ziemlich um. »Er hat den Laden von innen reformiert und professionalisiert«, sagt Wallmeyer anerkennend. Mit ähnlichen Methoden und dem gleichen Elan schmiedet Bode heute bei Foodwatch mit einer Handvoll Mitarbeiter Kampagnen, in denen beim Namen genannt wird, was faul ist an unserem Essen.

In den sechs Jahren seines Bestehens hat der Verein den Lebensmittelkonzernen mehrfach zu hohe Acrylamidwerte in Lebkuchen und Chips nachgewiesen. Er zieht gegen McDonald’s zu Felde, weil der Konzern Emulgatoren als natürliche Backhilfsstoffe bezeichnete, und will jüngst entlarvt haben, dass Danones Frühstücksdrink Actimel in Wahrheit keine »Abwehrkräfte activiert«, obwohl der Hersteller das in seiner Werbung verspricht. Nestlés Fitness-Fruits mit einem Zuckergehalt von über 30 Prozent machten nicht fit, sondern fett, sagt Bode. »Körperverletzung durch Irreführung«, nennt er das. Auch ein Buch hat er veröffentlicht. Abgespeist heißt es und beschreibt »Wie wir beim Essen betrogen werden und was wir dagegen tun können«.

Ein Exemplar hat Bode an Professor Matthias Horst geschickt. Der ist Hauptgeschäftsführer beim Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL), dem Spitzenverband der deutschen Lebensmittelwirtschaft, zu dessen Mitgliedern über 300 Unternehmen zählen, von Bahlsen bis Unilever. Als Horst das Buch las, hat ihn sehr geärgert, dass »Bode den Skandal als Normalfall schildert«. Seither sind für ihn die Fronten klar: »Bode hat sich den BLL als Feindbild aufgebaut und damit ein zunehmend vergiftetes Gesprächsklima geschaffen.« Auf der Internationalen Grünen Woche, wo sich die Branche von diesem Freitag an zum Verzehr des »vielfältigsten Nahrungsmittelangebots der Welt« versammelt, will sich Bode wieder mit dem BLL anlegen.

Je größer der Gegner, desto leichter die Kampagne. In seiner Zeit in der internationalen Zentrale von Greenpeace in Amsterdam hat Bode gelernt, dass »gute Kampagnen wie ein Kunstwerk sind und Superkampagnen das Denken verändern«. Beides gelang mit der Brent-Spar-Aktion 1995. Als die Verschmutzung der Nordsee niemanden mehr sonderlich interessierte, stieß Greenpeace auf das Vorhaben des Ölmultis Shell, die Plattform Brent Spar im Meer zu versenken. Es war die Zeit, in der die Deutschen gerade lernten, Teefilter (Biomüll) von Büroklammern (Restmüll) zu trennen. Zwar gehörte auch Esso zu den Betreibern der Anlage, »aber es war taktisch erforderlich (wenn auch ungerecht)«, nur einen der Konzerne zu attackieren, schreibt Bode in seiner Globalisierungskritik. Die Demokratie verrät ihre Kinder. Welche Wirkung die Kampagne gegen die geplante Versenkung auslöste, überraschte selbst Bode. Tankstellenpächter erhielten Bombendrohungen, und sogar Unternehmen riefen ihre Mitarbeiter zum Shell-Boykott auf. Der Riese knickte ein – Brent Spar blieb zunächst stehen.

Bodes Stil ist umstritten, auch im eigenen Verein gab es Ärger

Ist Thilo Bode ein Lobbyist in eigener Sache?

Ist Thilo Bode ein Lobbyist in eigener Sache? Foto: Foodwatch

Seither weiß Bode, dass eine gute Kampagne Gefühle auslösen muss. Anderen gehen die Inszenierung und der Verzicht auf Fakten zu weit. Horst wirft Bode vor, dass »er bestimmte Sachverhalte und Botschaften Ängste schürend präsentiert«. Auch Ulrike Höfken stößt sich an den Kampagnen von Foodwatch. Die Grüne ist Vorsitzende im Bundestagsausschuss für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz und froh, dass es neben den Verbraucherzentralen noch eine Organisation gibt, die für die Rechte der Lebensmittelkunden kämpft. Doch sie sagt auch: »Bode denkt oft nur in Schlagzeilen, er setzt zu sehr auf Skandalisierung, und Foodwatch hat deshalb in unserem Ausschuss einen schlechten Ruf.«

Selbst in seinem Verein ist Bodes Stil umstritten. Im Herbst traten einige Aufsichtsratsmitglieder zurück, darunter die Vorsitzende Petra Thorbrietz, eine Wissenschaftsjournalistin. »Es gab eine heftige Auseinandersetzung über den Klimareport, vor allem um die Schlagzeile ›Klimaretter Bio?‹«, sagt sie. Weil Bode angeblich nicht mit sich reden ließ, zog sie sich zurück. Er verteidigt die Kampagne als »eine mit der höchsten Resonanz in meiner gesamten Zeit als NGO-Aktivist«.

Etwas Ähnliches will er jetzt wieder erreichen. Es geht um die Ampel, mit der in Zukunft alle Lebensmittel gekennzeichnet werden sollen. So eindeutig wie ein Ampelsignal wünschen sich Verbraucherschützer die Informationen im Supermarkt. Rot auf der Packung bedeutet Aufgepasst!, Grün erlaubt mehr solcher Produkte im Einkaufswagen. So könnten die Käufer schnell erkennen, ob Cornflakes zu viel Zucker, ob Joghurt zu viel Fett oder Fertigsaucen zu viel Salz enthalten. »Das ist eine symbolische Schlacht, die einen Paradigmenwechsel einleiten könnte«, sagt er. Mit dieser Kampagne will er sich nach Brüssel wagen und dort so bald wie möglich ein Büro einrichten. »Da müssen wir einfach sein«, sagt er. In Brüssel werden heute fast alle Gesetze ausgearbeitet, die Europas Nahrungsmittel betreffen.

An einem feilt die Europaparlamentarierin Renate Sommer (CDU) derzeit. Sie schreibt eine Empfehlung für die künftige Lebensmittelkennzeichnung. Europaweit soll geregelt werden, welche Informationen auf den Verpackungen veröffentlicht werden sollen. Schon im September bekam sie eine E-Mail von Bode, mit der Bitte, sich »im Interesse der Verbraucher nachdrücklich für eine verbindliche Ampelkennzeichnung einzusetzen«. Doch Sommer erwähnt die Ampel in ihrem Entwurf mit keinem Wort. »Ich lasse mich von keinem unter Druck setzen«, sagt die Abgeordnete trotzig, die hinter dem Foodwatch-Begehren nur eine Lobby-Kampagne unter vielen vermutet.

Ist Bode ein Lobbyist? »Nein«, sagt der schnell und lacht: »Dazu fehlen uns Geld und Macht.« So flott ihm dieser Satz über die Lippen kommt, so schnell fügt er hinzu: »Wir kämpfen für das, was wir als Gemeinwohl interpretieren, der Lobbyist bedient ganz klar Partikularinteressen.«

BLL-Mann Horst sieht das anders. Er nennt Bode »einen cleveren Lobbyisten in eigener Sache«. Und die Abgeordnete Sommer fragt: »Woher will Herr Bode denn wissen, was Verbraucherwille ist?« Ihm gehe es doch nur darum, die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Das würde Bode sicher nicht verneinen. Meinung machen, etwas bewegen, ja, das will er, wenn er vor Millionenpublikum bei Kerner auf der Couch sitzt oder bei report München zum Interview im Studio steht.

Nur Renate Künast sitzt inzwischen nicht mehr neben ihm. Die Grünen-Fraktionsvorsitzende war Landwirtschaftsministerin, als Bode startete. Sie habe gehofft, »dass Foodwatch den Ökolandbau ohne Wenn und Aber unterstützt«, sagt Bode. Doch er scherte sich nicht um potenzielle Mitglieder, sondern sagte, dass er Künasts Agrarwende für ein völlig unrealistisches Ziel halte, solange sie sich nicht mit der konventionellen Landwirtschaft anlege und diese für ihre Umweltkosten zur Kasse bitte. »Dafür hat sie mich nicht besonders gemocht«, sagt Bode. Künast will sich dazu nicht äußern.

Wer so kompromisslos wie Bode für seine Ziele streitet, der hinterlässt manchmal verbrannte Erde. Das wird so bleiben, Thilo Bode hat noch viel vor. Und Ruhestand, das hieße für ihn ohnehin, dass er ein neues Medium für sich ausprobierte. »Ich würde gern einmal einen Film drehen wie Michael Moore«. Die erste Szene könnte ganz im Stile des umstrittenen amerikanischen Dokumentarfilmers mit einer ahnungslosen Verkäuferin bei Kaiser’s beginnen.

Weiterführende Links: Homepage von Foodwatch

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