ClaasTatje

Journalist

Der Knollenkampf

VON CLAAS TATJE | © DIE ZEIT

Mit Anzeigen und juristischen Drohungen will der Chemieriese BASF die Zulassung für eine gentechnisch veränderte Kartoffel erzwingen. Die EU aber fürchtet Risiken für den Menschen – und sieht auch nach acht Jahren keinen Grund zur Eile.

Das Massensterben war politisch verordnet. Zu Tausenden vertrockneten in diesem Frühjahr in Versuchsställen Keimlinge des Chemieriesen BASF. Die Europäische Kommission um Umweltkommissar Stavros Dimas hatte die Aussaat nicht genehmigt.

Es waren keine normalen Keimlinge, die da vergammelten. Es waren genetisch veränderte Kartoffelknollen namens Amflora, von Wissenschaftlern ausschließlich auf Stärkeproduktion getrimmt. Seit acht Jahren wartet BASF darauf, die Kartoffeln industriell nutzen zu dürfen.

Mit wachsender Ungeduld und passenderweise kurz vor der Hauptversammlung am heutigen Donnerstag in Mannheim trug der zuständige BASF-Vorstand Stefan Marcinowski am Dienstag vergangener Woche seine Argumente persönlich in Brüssel vor. Doch das Treffen mit Umweltkommissar Dimas blieb erfolglos. Verärgert legte der Konzern zwei Tage später nach. Mit einem offenen Brief an Dimas, veröffentlicht in großen europäischen Tageszeitungen. Das Unternehmen droht nun mit einer Klage wegen Untätigkeit vor dem Europäischen Gerichtshof.

Derlei Aktionismus beeindruckt die Kommission wenig. » BASF ist offenbar sehr nervös«, heißt es dort gelassen. Kommissar Dimas wolle eine verantwortliche Entscheidung herbeiführen, so eine Vertraute, und er sehe sich politisch gestützt durch Millionen Bürger, die Angst davor hätten, dass gentechnisch veränderte Pflanzen in den Nahrungskreislauf gelangen könnten.

»Die Kartoffel soll nicht auf dem Teller landen«, erklärt BASF-Vorstand Marcinowski. Das Gemüse ist für die Industrie verändert worden. Der wichtigste Inhaltsstoff, der Stärkebestandteil Amylopektin, soll herausgefiltert werden und anschließend Druckpapier glänzen lassen und Klebstoffe länger flüssig halten. Das aber geht am besten, wenn der andere Stärkebestandteil, die Amylose, gar nicht erst entsteht. Deshalb haben BASF-Forscher die Pflanzen manipuliert. Ein lohnendes Geschäft winkt. 20 bis 30 Millionen Euro will BASF jährlich allein mit den Lizenzen für Amflora verdienen. Europas Stärkeindustrie und Landwirte hoffen auf zusätzliche Erlöse von rund 100 Millionen Euro im Jahr. Bisher hat der Konzern aber nur draufgezahlt. Eine Milliarde Euro investierte BASF in den vergangenen zehn Jahren in die Erforschung und Entwicklung gentechnisch veränderter Pflanzen, allein für die Amflora wurde ein zweistelliger Millionenbetrag ausgegeben.

Langfristig geht es dem Unternehmen um mehr als ein paar Lizenzeinnahmen: BASF will sich seinen Platz im Markt für diese Pflanzen neuen Typs sichern ihn schätzt das Unternehmen auf 50 Milliarden Dollar im Jahr 2025.

Doch weil viele Mitgliedsstaaten und auch die Europäische Kommission noch immer Vorbehalte gegen den Anbau von gentechnisch veränderten Nutzpflanzen haben, kommt Europa nur auf einen Anteil von 0,2 Prozent aller weltweit dafür ausgewiesenen Anbauflächen. In Deutschland sind es gerade einmal 950 Hektar. In den Vereinigten Staaten hingegen bestellen Landwirte eine Fläche von 54,6 Millionen Hektar. Und während in der EU in den vergangenen zehn Jahren nicht ein Produkt zum Anbau genehmigt wurde, waren es in den USA mehr als 70.

»Mit der Amflora stehen wir jetzt vor der Nagelprobe«, ist Vorstand Marcinowski überzeugt. Werde der Anbau der Kartoffel doch noch verhindert, »werden wir unsere Investitionen in anderen Ländern verstärken«. Und damit die Drohung nicht nur als Säbelrasseln verstanden wird, schickt der Vorstand noch eine Zahl hinterher. Schon 2007 habe das Unternehmen in der Pflanzen-Biotechnologie erstmals mehr als 50 Prozent seiner Forschungs- und Entwicklungsausgaben außerhalb Europas investiert. Und »das Gros unserer Produkte ist für den globalen Markt«. Längst forscht der Konzern gemeinsam mit Branchenprimus Monsanto, 1,5 Milliarden Dollar haben die beiden Konzerne für die weitere Erforschung von Nutzpflanzen bereitgestellt.

All das weiß Kommissar Dimas, aber er weiß auch, welche Gefahren mit der Produktion verbunden sein könnten. Wie soll man zum Beispiel gewährleisten, dass die Kartoffeln auf den wenigen Versuchsfeldern bleiben? Schon im Januar sammelten Umweltschützer auf Parzellen in Mecklenburg-Vorpommern Amflora-Kartoffeln ein. Die während des Anbaus abgesicherten Äcker waren nach der Ernte frei zugänglich einzelne Knollen lagen herum. Würden genetisch veränderte Kartoffeln in den Nahrungskreislauf gelangen und Menschen derartige Kartoffeln regelmäßig essen, könnten sie gegen einige Antibiotika resistent werden. Solche Produkte seien unvereinbar mit EU-Recht, sagt die Europaparlamentarierin Hiltrud Breyer (Grüne), die sich vor allem darüber beklagt, dass BASF nun auch auf eine Zulassung der Kartoffelreste als Futtermittel hofft. Industrieabfälle der Amflora könnten dann von Tieren verspeist werden. » Wie soll man da verhindern, dass die Kartoffel in den normalen Nahrungskreislauf gelangt?«, fragt Breyer.

Es sind solche Unsicherheiten, die die Entscheidung in Brüssel so lange hinauszögern. Erst konnten sich die Agrarminister nicht einigen.

Eine Abstimmung im Ministerrat endete mit einem Patt. Daher so sieht es die Gesetzgebung seit einigen Jahren vor soll die Kommission auf Vorschlag des zuständigen Kommissars entscheiden. Als Grundlage für dessen Urteil wiederum gilt die Empfehlung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA). Aber eben nur als Grundlage: Dimas muss sich keineswegs an die Vorschläge der EFSA halten, auch wenn er das normalerweise tut und BASF dies nun von ihm einfordert. Die Behörde sah in ihrer Stellungnahme keine Gefahren. Dimas aber haben die Empfehlungen der Wissenschaftler nicht überzeugt. Vor allem die Frage nach der langfristigen Wirkung einer Einführung derartiger Kartoffeln sei nur unbefriedigend beantwortet worden, soll der Kommissar in internen Zirkeln kritisiert haben.

Fürs Erste hat Dimas das renommierte Institut Pasteur mit einer weiteren Expertise beauftragt, anschließend soll die EFSA erneut prüfen. Und bei einer Orientierungsdebatte Anfang Mai will die Kommission ihre Haltung zu gentechnisch veränderten Organismen grundsätzlich festlegen. BASF und seine Aktionäre sollten besser nicht auf eine schnelle Entscheidung der EU-Kommission spekulieren.

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