ClaasTatje

Journalist

“Die Preisspitze ist erreicht”

VON CLAAS TATJE | © DIE ZEIT

Interview mit Stefan Tangermann, OECD Direktor für Handel und Landwirtschaft

Frage: Hilfsorganisationen wie Brot für die Welt machen die Europäische Union für die steigenden Nahrungsmittelpreise verantwortlich, vor allem in Entwicklungsländern. Haben sie recht?

Antwort: Nein, dafür ist kein einzelner Wirtschaftsraum mit seiner Agrarpolitik verantwortlich. Die Preisexplosion vergangener Monate ist nicht so sehr auf Politikentwicklungen zurückzuführen, sondern darauf, dass seit einigen Jahren in wichtigen Produktionsgebieten der Welt das Wetter nicht richtig mitgespielt hat und deshalb die Getreideernten zum Beispiel in Australien deutlich unter dem üblichen Trend geblieben sind. Gleichzeitig stieg die Nachfrage beispielsweise in Indien oder China drastisch an. In der Folge gingen die weltweiten Lagerbestände zurück. In einer solchen Situation schießen die Preise stets nach oben.

F: Dann ist das Wetter schuld an den hohen Preisen?

A: Ja, das ist zumindest der Hauptgrund. Dahinter stehen dann auch fundamentale Faktoren, die ohnehin einen gewissen Preisanstieg bewirkt hätten, vor allem die zusätzliche Nachfrage nach Biosprit.

F: Aber laut EU-Kommission wurden 2007 gerade einmal 1 Prozent der Getreideproduktion für die Ethanolherstellung verwendet.

A: Weltweit ist das aber deutlich mehr gewesen. Man könnte diese Mengen jetzt wieder als Nahrungsmittel verwenden. Selbst wenn man nur ein Prozent in einen Markt lenkt, der an einer überhitzten Preisentwicklung leidet, trägt das deutlich zur Beruhigung bei.

F: Welchen Anteil hat die Spekulation an den Preisen?

A: Die hat sicherlich mit dazu beigetragen, aber auch da muss man die Kirche im Dorf lassen. Diese Spekulation findet im Wesentlichen auf den Terminmärkten statt, wo die Preise für die Zukunft fixiert werden. Da hat es in der Tat einen erheblichen Zufluss von Kapital gegeben, das nicht aus dem Bereich des Warenhandels kommt, sondern von Anlegern, die Geld damit verdienen wollen.

Solche Terminmärkte haben aber eine wichtige Funktion für das Marktgeschehen insgesamt, weil sie den Produzenten, aber auch den Verbrauchern erlauben, sich abzusichern gegen künftige Preisschwankungen. Sie sind also nichts Verwerfliches, sondern im Grunde etwas sehr Gutes.

Natürlich kann es aber immer zu Preisübertreibungen kommen. Die ursprünglichen Preisanstöße werden jedoch nicht durch die Marktteilnehmer ausgelöst, sondern durch fundamentale Faktoren – wie zum Beispiel den Abbau der Lagerbestände. Doch solche Preisentwicklungen können auch durch Nervosität der Marktteilnehmer noch verstärkt werden.

F: Viele Entwicklungsländer können sich noch immer nicht selbst versorgen. Würden sie dafür die EU verantwortlich machen?

A: Da würde ich nicht die Europäische Union allein ins Auge fassen. Viele Regierungen von Industrieländern haben – aus welchen Gründen auch immer – ihre Landwirte im großen Stil gefördert: durch Subventionen oder durch gestützte hohe Preise. Das hat natürlich dazu beigetragen, dass an den internationalen Märkten die Preise unter Druck gewesen sind, und in der Folge wurde der Ausbau des Agrarsektors in den Entwicklungsländern gebremst. Aber man darf heute nicht übersehen, dass in vielen Ländern und auch in der EU erhebliche agrarpolitische Reformen in Gang gesetzt worden sind, die allmählich den Rückzug von dieser Politik eingeleitet haben. Es bringt daher nichts, jetzt auf die Industrieländer einzuschlagen.

F: Die EU setzt stattdessen auf Direktzahlungen an Landwirte. Verzerren diese Subventionen nicht auch die Preise, schließlich haben Landwirte in Deutschland und Frankreich dann Wettbewerbsvorteile gegenüber der Konkurrenz aus Afrika und Asien?

A: Direktzahlungen verzerren die Preise bestenfalls in einem geringen Maß und deutlich weniger, als dies etwa frühere Politik getan hat. Das ist ja gerade die wesentlich Reformrichtung, die die Europäische Union eingeschlagen hat und die durchaus begrüßenswert ist – Abstand zu nehmen von den sehr heftigen Markteingriffen, die früher stattgefunden haben, und sich hinzubewegen zu einer Politik, die die Märkte sehr viel stärker sich selbst überlässt und bei der die agrarpolitischen Ziele mit anderen weniger marktverzerrenden Elementen erreicht werden sollen.

F: Wie können die Preise nun gesenkt werden? Kann die Europäische Union mit ihren Subventionen zu Preissenkungen beitragen?

A: Subventionen für Bauern in Europa helfen nicht. Stattdessen sollte man den Armen dieser Welt helfen, die besonders vom Preisanstieg betroffen sind, indem man ihnen Geld zur Verfügung stellt, damit die Menschen dort selber Nahrungsmittel kaufen können. Zum anderen kann man darüber nachdenken, ob man zusätzliche Mengen mobilisieren und in den Markt geben könnte. Das Angebot ist aber beschränkt: Weizen und Reis wachsen nicht über Nacht. Es gibt jedoch einen Ausweg: Man senkt die Produktion von Biotreibstoffen und lenkt die Rohstoffe in den Markt für Nahrungsmittel um.

F: Angesichts dieser Verwerfungen: Gehört die Subventionspolitik der Europäischen Union nicht abgeschafft?

A: Es ist in jedem Fall gut, Märkte so frei wie möglich spielen zu lassen, damit Angebot und Nachfrage sich ausgleichen können. Das heißt: Öffnung der Grenzen, sodass inländische und internationale Märkte besser zusammenarbeiten können. Das heißt Abbau von Importzöllen, soweit es nur irgend geht, aber auch Abbau von Exportbeschränkungen, auch da, wo sie in den vergangenen Wochen und Monaten eingeführt worden sind.

F: Aber Exportsubventionen sind mit zuletzt 1,4 Milliarden Euro doch nur ein Bruchteil des gesamten Subventionshaushalts von rund 50 Milliarden Euro.

A: Die Subventionen der EU sind heute hauptsächlich Direktzahlungen. Die sind nicht ursächlich für das, was derzeit an den Märkten geschieht. Deshalb hat es gar keinen Zweck, deswegen jetzt nach dem Ende dieser Subventionen zu schreien. Es mag gute langfristige Gründe geben, das Geld besser einzusetzen. In gezielten Programmen, bei denen Landwirte für das honoriert werden, was an Ort und Stelle die Gesellschaft von ihnen verlangt.

F: Weil sie unter den höheren Futterpreisen leiden, fühlen sich vor allem die Milchbauern zu schlecht bezahlt. Warum können einige wenige Einzelhändler den Marktpreis für Milch gegen den Willen der Landwirte drastisch senken?

A: Das hat viel damit zu tun, wie stark einzelne Unternehmen im Lebensmitteleinzelhandel sind. Überall dort, wo es starke Konzentration gibt, haben die dort tätigen Unternehmen Möglichkeiten, die Preise zu beeinflussen. Die Agrarpolitik kann daran wenig ändern, das ist Sache der europäischen Wettbewerbspolitik und der Kartellämter.

F: Und die anderen Lebensmittelpreise im Einzelhandel? Werden die bald auch wieder sinken?

A: Die äußerste Spitze der Preisentwicklung ist erreicht. Die Blase wird schon in den nächsten Monaten platzen. Dann dauert es einige Zeit, bis sich die Stimmung weiter beruhigt, denn die Lager sind leer gefegt. Erst wenn sich die wieder füllen, sinken die Preise auf ein Normalniveau, aber sie werden für Agrarprodukte im internationalen Handel 20 bis 40 Prozent über dem liegen, was wir in den vergangenen zehn Jahren erlebt haben. Bis dieses Niveau erreicht ist, dauert es etwa zwei Jahre – vorausgesetzt, das Wetter spielt mit.

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