ClaasTatje

Journalist

Erinnerungen an den Schwarzen Montag

VON JENNIFER LACHMAN UND CLAAS TATJE  | © Financial Times Deutschland

Vor 20 Jahren erlebte die Wall Street am “Black Monday” den schlimmsten Absturz ihrer Geschichte. Die Kurse brachen um mehr als 22 Prozent ein, weil Aktienhändler wie Teddy Weisberg in Panik verfielen.

Als Teddy Weisberg am Morgen des 19. Oktober 1987 das Parkett der New York Stock Exchange betritt, hat der Broker die schlechten Nachrichten schon im Kopf. Am Freitag zuvor hatten die US-Börsen in der letzten Handelsstunde 108 Punkte verloren und die Woche mit einem Verlust von 9,5 Prozent beendet. “Wir waren solche Kursverluste gar nicht mehr gewohnt”, erinnert sich der damals 47-Jährige. Binnen zehn Monaten hatte der Dow Jones zuvor fast 50 Prozent zugelegt. 

“Ich habe meine Kollegen am Morgen noch gewarnt, dass sie vorsichtig sein sollen”, sagt Weisberg. Seit über achtzehn Jahren war er zu diesem Zeitpunkt schon im Geschäft, mit Seaport Securities hatte er sein eigenes Wertpapierhaus gegründet.

Als Weisberg anfängt zu handeln, denkt er auch an die schlechten Zahlen aus Übersee. Am Freitag hatte in London ein schlimmer Sturm gewütet und vielen britischen Kollegen den Weg zur Arbeit versperrt: Deren Aufträge blieben am Wochenende liegen. Auf die Nachricht, dass amerikanische Kriegsschiffe eine iranische Ölplattform beschossen hätten, reagieren die Händler in Asien und Europa mit Verkäufen.

Und in New York? Da startet der Dow Jones-Index um 9.30 Uhr mit rund 2047 Punkten in den Handel, noch einmal fast 200 Punkte weniger als am Freitag. Aber dann war es plötzlich “wieder normal, ja sogar ruhig”, sagt Weisberg. Um 10 Uhr hatte sich der Dow Jones schon wieder um über 100 Punkte erholt.

Doch urplötzlich, die Verluste in Asien und Europa sind seit Stunden bekannt, erwischt die Welle endgültig auch die Wall Street: “Gegen 13.30 Uhr setzte plötzlich der Massenverkauf ein”, erzählt Weisberg. “Es gab praktisch keine Kaufaufträge mehr. Viele Kollegen haben das Telefon einfach klingeln lassen, aus Angst vor der nächsten Verkaufsorder.”

Weisberg erinnert sich daran, wie die Emotion die Wall Street erfasst. “Es war ein Schreien und Kreischen, in allen Augen sah ich Angst.” Die Telefone klingeln weiter Sturm: “Keep the cheese, but get me out of this trap”, brüllen ihm Kunden entgegen – was soviel heißt wie: “Verkaufe, egal, was es kostet.” Und Weisberg verkauft.

Bei der Schlussglocke hat der Dow Jones-Index insgesamt 508 Punkte verloren, das entspricht einem Minus von 22,6 Prozent. Beim heutigen Stand von rund 14.000 Punkten wäre das ein Verlust von mehr als 3100 Punkten. An einem Tag.

Teddy Weisberg hat nie so ganz verstanden, was genau passierte an jenem Montag. Und selbst Charles Geisst, Finanzprofessor und Historiker am Manhattan College, rätselt noch immer. Eine Korrektur hätten damals zwar viele erwartet, sagt Geisst, “aber die Intensität des Crashs von 1987 und die weltweiten Auswirkungen auf die Märkte, das kam nun doch völlig unerwartet.”

Fusionen und Übernahmen waren in jedem Herbst an der Tagesordnung; die Wall Street war verrückt nach Deals wie sie im gleichnamigen Film von Michael Douglas alias Gordon Gekko reihenweise durchgezogen wurden. 1987 waren Schulden schick, obwohl nur wenige Wochen zuvor der neue und unerfahrene US-Notenbankchef Alan Greenspan den Leitzins auf 7,25 Prozent erhöht hatte.

Elektronische Einheizer

Elektronische Tradingsysteme, sogenannte “Portfolio Insurance”-Programme, heizten die Stimmung an: Sie gaben eine automatische Verkaufsorder aus, wenn ein bestimmter Kurs erreicht wurde: Während viele Händler sich in Sicherheit wähnten, wurde ihnen diese neue Technologie am Black Monday zum Verhängnis. Als die Märkte abrutschten, reagierten die Rechner alle gleich – und verkauften.

Daraus ergab sich ein unaufhaltsamer Schneeballeffekt: Mit 600 Millionen Aktien wurden an der Nyse dreimal so viele Papiere gehandelt wie sonst üblich. “Abends war ich nicht nur geistig, sondern auch körperlich erschöpft”, erinnert sich Teddy Weisberg. Aufgeben wollte er deswegen nicht: “Es war zwar schlimm, aber im Nachhinein auch faszinierend”, sagt der Trader: Bis 22 Uhr blieb er in der Börse, und arbeitete die Aufträge ab. “Die Kunden wollten doch wissen, was los war.”

Als der erste Schock verwunden war, begann Teddy am nächsten Morgen wieder zu kaufen. Wie viele andere auch war er auf der Jagd nach “Schnäppchen”, soliden Unternehmenstiteln, die plötzlich unter Wert gehandelt wurden. Als sei nichts gewesen, kehrte die Hänlder bereits am Dienstag zum “Business as Usual” zurück. Und dennoch: Zwei Jahre dauert es, bis die Wall Street das aufgeholt hatte, was an einem einzigen Nachmittag verloren gegangen war.

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