ClaasTatje

Journalist

Großbanken kämpfen um frische Milliarden

VON CLAAS TATJE, HENNY SENDER UND BEN WHITE  | © Financial Times Deutschland

Für die US-Finanzbranche beginnt eine entscheidende Woche. Beobachter fürchten, dass Banken und Broker Abschreibungen von bis zu 40 Mrd. $ enthüllen könnten. Derweil sammelt die Citigroup Kapital ein – von einem zweistelligen Milliardenbetrag ist die Rede.

Der krisengeschüttelte US-Finanzkonzern Citigroup sammelt erneut Kapital ein. Staatsfonds aus China und Kuwait werden voraussichtlich den Löwenanteil einer Kapitalspritze von bis zu 14 Mrd. $ beitragen. In mit den Vorgängen vertrauten Kreisen hieß es, etwa 9 Mrd. $ würden nach derzeitiger Planung aus China kommen. Die Kuwait Investment Authority (KIA) soll demnach 1 Mrd. $ beisteuern. Weitere 2 bis 4 Mrd. $ sollen durch Aktienplatzierungen erlöst werden. Es wird auch vermutet, dass der saudische Prinz al-Walid Bin Talal sein Engagement weiter aufstockt. Änderungen an den Plänen sind noch möglich. 

Konkurrent Merrill Lynch sucht dem Vernehmen eine zweite Kapitalspritze von rund 4 Mrd. $, sagten mit dem Vorgang vertraute Personen. Auch hier gilt KIA als ein Hauptgeldgeber. Merrill und KIA wollten die Informationen nicht kommentieren. Bereits im Dezember hatte die Investmentbank rund 5,6 Mrd. $ frisches Kapital von Singapurs Staatsfonds Temasek Holdings sowie dem US-Investmenthaus Davis Selected Advisers eingesammelt. 
Die Gerüchte um den Einstieg von neuen Investoren ließen die Kurse der beiden Banken am Freitag ansteigen. Citigroup legte um 1,6 Prozent auf 28,56 $ zu, Merrill Lynch sogar um über fünf Prozent auf 54,69 $. 

Furcht vor Rezession könnte neu angeheizt werden

Dass beide Banken erneut Geldgeber anzapfen müssen, unterstreicht jedoch, wie sehr sie unter der Kreditkrise leiden – und das zu Beginn einer entscheidenden Woche, in der US-Banken und Broker Abschreibungen von bis zu 40 Mrd. $ enthüllen könnten. Hohe Abschreibungen und die neuerliche Suche nach Kapital dürften die Marktstimmung drücken. Größere negative Überraschungen könnten das Vertrauen in die Fähigkeit der Banken zur Kreditvergabe weiter untergraben, die Furcht vor einer US-Rezession würde so angeheizt. 

Investoren sind ohnehin aufgeschreckt durch den trüben Ausblick des Kreditkartenanbieters American Express von Ende vergangener Woche. Damit verdichten sich die Sorgen, dass sich die Krise am Markt für Hypothekenfinanzierungen auf andere wichtige Geschäftsbereiche ausweitet. 

Citigroup wird morgen, JP Morgan Chase am Mittwoch und Merrill Lynch am Donnerstag ihre Zahlen für das vierte Quartal vorlegen.Schätzungen zufolge drohen Citigroup und Merrill Lynch zusammen rund 29 Mrd. $ zusätzliche Abschreibungen auf hypothekennahe Wertpapiere (CDOs). 

Laut der Deutschen Bank hat die gesamte Branche bisher rund 100 Mrd. $ Abschreibungen in den Märkten für CDOs und zweitklassige Hypotheken (Subprime) bekannt gegeben. Der Analyst Michael Mayo schätzt jedoch, dass diese Abschreibungen “auf 130 Mrd. $ nach diesem Quartal” ansteigen könnten. Noch immer schlummern in den Bilanzen der Banken nach seinen Berechnungen CDO-Produkte im Wert von rund 148 Mrd. $. Banken wie Merrill Lynch und Citigroup waren hier besonders aggressiv tätig. 

Gerüchte um massiven Arbeitsplatzabbau

Analysten der Investmentbank JP Morgan gehen davon aus, dass Citigroup weitere 14 Mrd. $ abschreiben muss. Anderen Schätzungen zufolge könnten es sogar rund 20 Mrd. $ werden. Die Bank selbst hatte bisher von einer zusätzlichen Belastung von 11 Mrd. $ gesprochen. 

In den Abschreibungen liegt der Hauptgrund für den Kapitalbedarf der Citigroup. Die neue Kapitalspritze wäre bereits die zweite binnen ebenso vieler Monate: Ende November hatte die staatliche Abu Dhabi Investment Authority (ADIA) den größten US-Finanzkonzern mit 7,5 Mrd. $ gestützt. Vorausgegangen waren Abschreibungen in Milliardenhöhe. 

Zudem muss der Finanzkonzern Kosten sparen. Seit Wochen kursieren Gerüchte um einen massiven Arbeitsplatzabbau. Jeder zehnte der über 300.000 Arbeitsplätze weltweit könnte wegfallen. Zudem ist eine Halbierung der Dividende im Gespräch. Damit könnte der Konzern bis zu 5 Mrd. $ sparen. 

Ähnlich dramatisch ist die Lage bei Merrill Lynch. Dem größten Wall-Street-Broker drohen nach Informationen der “New York Times” sogar weitere Abschreibungen von 15 Mrd. $. Das wären doppelt soviel, wie die Bank ursprünglich erwartet hatte. Wie die Zeitung aus Unternehmenskreisen erfuhr, sucht der neue Vorstandschef John Thain verzweifelt nach Investoren und schließt selbst den Einstieg von Private-Equity-Firmen nicht aus.

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