ClaasTatje

Journalist

Lynch-Justiz bei Merrill

VON JENNIFER LACHMAN UND CLAAS TATJE | © Financial Times Deutschland

Die Wall Street feierte Stanley O’Neal wegen seiner Erfolgszahlen. Seine Mitarbeiter fürchteten ihn wegen seines Ehrgeizes. Jetzt ist dem Merrill-Lynch-Chef die Gier nach immer mehr Rendite zum Verhängnis geworden

Die Nachricht lief am Dienstag um 9.15 Uhr über den Ticker: “Stan O’Neal, Vorstandschef von Merrill Lynch, tritt sofort von seinen Ämtern für das Unternehmen zurück. Mr O’Neal trat vor 21 Jahren ins Unternehmen ein, seit Dezember 2002 war er CEO.”

Dürre Worte für ein spektakuläres Ereignis: Stanley O’Neal war nicht einfach nur ein CEO. Mit dem Tag, an dem er den Chefposten bei der Investmentbank übernahm, wurde der dunkelhäutige Manager zu einem Symbol, zum personifizierten amerikanischen Traum: Der Nachfahre eines Sklaven hatte es vom Fließbandarbeiter zu einem der mächtigsten Männer der Finanzwelt gebracht. Nun ist in Tagen zerplatzt, was er sich in Jahren aufgebaut hat. Der einstige Starbanker ist zum Gesicht der Immobilien- und Hypothekenkrise worden. Zu groß war seine Sorglosigkeit, zu stark der Wunsch, den mächtigen Rivalen Goldman Sachs zu übertreffen.

Begonnen hat der Niedergang ziemlich genau vor vier Jahren, am 19. November 2003, als O’Neal entlang der Fifth Avenue zum edlen Hotel The Pierre eilt, um hier, im Herzen Manhattans, die Chefs anderer internationaler Topbanken zu treffen. Plaudern wollen sie darüber, was die Märkte bewegt, zwei Jahre nach dem 11. September. Das Schlimmste sei überstanden, sagt O’Neal den Kollegen und stellt Merrills Strategie für die Zukunft vor. “Wir füllen schon jetzt Lücken im Geschäft mit hochverzinslichen Anleihen und der Leveraged Finance aus”, verkündet er, “und wir werden damit fortfahren.” Schließlich, so der Banker, wollten seine Kunden “mit einem Marktführer zusammenarbeiten, und wir werden alles tun, einer zu bleiben”.

Die Nummer eins in der Investmentszene, sie scheint in diesen Tagen so nah: Merrill Lynch ist auf dem Weg, ein echter Rivale für die Renditejäger bei Goldman Sachs zu werden. Der ehrgeizige O’Neal wittert die Chance, die üppigen Margen des Erzrivalen sogar zu übertreffen.

In den folgenden vier Jahren kommt er diesem Ziel ein großes Stück näher. Früher wurde Merrill Lynch wegen seiner Behäbigkeit und Kuschelatmosphäre als “Mutter” der Banken belächelt, jetzt beeindruckt das Institut die Investoren und Analysten mit immer höheren Quartalsgewinnen. “Er hat in diesen Jahren einen unglaublichen Turnaround geschafft”, sagt David Easthope von der Strategieberatung Celent. Die Branche feiert O’Neal. Bis zum 5. Oktober 2007.

An diesem Tag verpufft der zu große Traum mit einer einzigen Gewinnwarnung. “Merrill Lynch gibt bekannt, dass die Zustände auf den Kreditmärkten das Ergebnis im dritten Quartal negativ beeinflussen werden.” So beschreibt die Presseabteilung, was Christopher Whalen vom Researchhaus Institutional Risk Analytics einen “Albtraum für die gesamte Branche” nennt. Milliarden müssen die Investmentbanken in dem von O’Neal so gelobten Markt für komplexe Finanzvehikel und Hypothekenkredite abschreiben, Merrill schätzt das Minus auf rund 4,5 Mrd. $.

Wettbewerber wie CitigroupUBSDeutsche Bank und Bank of America schreiben für diese riskanten Produkte ebenfalls Milliarden ab. Aber bei keiner anderen Bank und keinem Berater ist die Summe so hoch wie bei Merrill Lynch, denn bei keinem anderen Bankchef war die Gier nach Rendite so ausgeprägt wie bei Stanley O’Neal. 

Viermal im Jahr mit Bauchschmerzen zur Arbeit

Risiko statt Sicherheit lautet das Motto des 56-Jährigen, der sich aus den GM-Werkshallen in Detroit bis in die holzgetäfelten Vorstandsetagen an der New Yorker Wall Street hochgearbeitet hat. “In der Welt des Stan O’Neal zählt nur die Rendite”, beschreibt Celent-Analyst Easthope die Leitidee des Managers. Und Messlatte sind für O’Neal die Erfolgsbilanzen von Goldman Sachs.

Viermal im Jahr seien bei Merrill Lynch ganze Abteilungen mit Bauchschmerzen zur Arbeit gegangen, erzählen Mitarbeiter. Es sind die Tage, an denen Goldman Sachs seine Quartalsergebnisse vorlegt und O’Neal einzelne Bilanzposten des Rivalen vor seinen Angestellten seziert – ohne Verständnis dafür, dass die Leistung der eigenen Leute zuweilen schlechter ist. “O’Neal wollte Goldman Sachs unbedingt einholen”, sagt Matthew Albrecht, der die Investmentbanken für Standard & Poor’s Equity Research beobachtet. “Dabei kann man die Zahlen gar nicht miteinander vergleichen.”

So stehen 26.500 Goldman-Sachs-Beschäftigten 56.000 Merrill-Lynch-Mitarbeiter gegenüber. Allein 15.000 von ihnen drängen sich als Broker in den Handelsräumen von Merrill Lynch. “Sie erwirtschaften viel geringere Margen als die auf die großen Deals spezialisierten Investmentbanker von Goldman Sachs”, sagt Albrecht. Die Profitabilität kann also nicht die gleiche sein. Um trotzdem mitzuhalten, hat O’Neal nur eine Wahl: das Risiko erhöhen.

Wie kein Zweiter stürzt er sich in das vermeintlich lukrative Geschäft mit sogenannten Collateralized Debt Obligations (CDOs). Noch im Juni 2007 investiert die Bank 32 Mrd. $ in diese hochkomplexen Finanzprodukte. Was zunächst hohe Erträge verspricht, führt direkt in die größte Bankenkrise seit Jahren: Seit Herbst vergangenen Jahres haben immer mehr zahlungsschwache Hausbesitzer in den USA ihre Raten nicht mehr bedienen können. Da ihre Kredite jedoch längst – unter anderem als CDOs – verbrieft und weiterverkauft worden sind, kommt es bei diesen Finanzinstrumenten zu massiven Ausfällen.

Merrill Lynch trifft es besonders hart, weil die Bank auf das Drängen von O’Neal und seinen engsten Mitarbeitern die riskanten Positionen immer weiter ausgebaut hat: Im September 2006 übernimmt Merrill Lynch für 1,3 Mrd. $ den Hypothekenspezialisten First Franklin Financial, Anfang dieses Jahres schluckt das Investmenthaus dann noch die Kleinbank First Republic, die unter anderem Baukredite vergibt. “Als andere Banken sich bereits aus dem Geschäft verabschiedeten, hat O’Neal noch einmal kräftig nachgelegt”, sagt Ryan Lentell von der Ratingagentur Morningstar.

Wettbewerber wie Lehman Brothers erkennen die Gefahr früher und sichern offene Positionen rechtzeitig mit Gegengeschäften ab. O’Neal hingegen nimmt offenbar erst im April Notiz von der sich zuspitzenden Krise. Mitarbeiter berichten von Briefings, ab Juli seien tägliche Krisensitzungen gefolgt. Nach außen hin feiert die Bank im Sommer ein weiteres Rekordquartal, der Vorstand redet die Situation schön: Das Risiko sei “begrenzt und angemessen bewertet”, sagt Finanzchef Jeff Edwards.

Doch spätestens nach der Vorlage der Quartalszahlen für das dritte Quartal gibt es keine Ausreden mehr. Seit dem 5. Oktober sind die Abschreibungen um fast 4 Mrd. auf nunmehr 8,4 Mrd. $ angestiegen.

Und O’Neal? Der erweist sich in dieser Phase als miserabler Krisenmanager. Als er Analysten die Zahlen präsentiert, weicht er Fragen nach zukünftigen Abschreibungen aus. “Konservativ”, sagt er knapp, sei gerechnet worden. Analysten wie Michael Mayo von der Deutschen Bank rechnen daher für das vierte Quartal noch einmal mit Abschreibungen in Höhe von 4 Mrd. $. Damit hätte die Bank in zwei Quartalen aufgezehrt, was sie in den Rekordjahren 2005 und 2006 an Gewinn erzielte. Anfang Oktober hat der Aufsteiger längst den Rückhalt in der eigenen Bank verloren. Enge Mitarbeiter wollen ihn loswerden, belauschen ein Telefongespräch zwischen ihm und dem Chef der viertgrößten US-Bank Wachoviaund stecken die brisanten Details der “New York Times”. O’Neal habe G. Kennedy Thompson angerufen, um ihn von einer Fusion zu überzeugen. Dass er den Aufsichtsrat nicht zuvor informiert hat, kostet ihn schließlich den Job.

Stanley O’Neal ist nicht der einzige Bankchef, der in die Kritik geraten ist, doch die anderen müssen keine Königsmörder fürchten, etwa der Boss der Citigroup, Chuck Prince, dessen Ziehvater Sandy Weill ihm Mehrheiten im Board sichert, obwohl der Quartalsgewinn des weltgrößten Finanzkonzerns um 57 Prozent eingebrochen ist. Immerhin kann das Institut noch ein Plus in der Höhe des Merrill-Lynch-Verlusts ausweisen: knapp 2,4 Mrd. $.

Von außen wird O’Neal verfolgen, wie der als Interimschef bestimmte Merrill-Lynch-Manager Alberto Cribiore die Probleme in den Griff zu bekommen versucht. Und er wird es auf einem üppigen Polster tun. Seine Wertpapiere und Aktienoptionen belaufen sich auf schätzungsweise mehr als 160 Mio. $. Der Wert seines Aktienanteils an der Bank legte überdies kräftig zu, seit die ersten Gerüchte über seinen Abgang laut wurden. Allein am vergangenen Freitag brachte das O’Neal 16 Mio. $ zusätzlich. So hat er zumindest persönlich erreicht, was ihm mit dem Konzern nie gelingen sollte. Goldman-Sachs-Chef Lloyd Blankfein hat vergangenes Jahr nur 54,3 Mio. $ verdient.

Auf der Suche nach dem Nachfolger

Nach dem Rücktritt von Stanley O’Neal wird Alberto Cribiore bei der amerikanischen Investmentbank vorübergehend die Rolle des Chairman übernehmen, ein Posten, der in Deutschland am ehesten mit dem des Aufsichtsratschefs zu vergleichen ist. Als solcher soll der 61-jährige Italiener die Suche nach einem Nachfolger für den geschassten Vorstandschef vorantreiben. Gesucht wird intern und extern.

Seit 2003 gehört Cribiore dem obersten Entscheidungsgremium von Merrill Lynch an, dem Board of Directors. Er ist außerdem Managing Partner der privaten Beteiligungsgesellschaft Brera Capital, die er vor zehn Jahren gegründet hat. Zuvor arbeitete der Manager für die Private-Equity-Firma Clayton Dubilier & Rice sowie den Medienkonzern Warner Communications.

Cribiore hat an der renommierten Bocconi-Universität in Mailand Betriebs- und Volkswirtschaft studiert. Er lebt mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in New York. In seiner Freizeit engagiert sich der Manager unter anderem für die Metropolitan Oper sowie für eine Verbesserung der amerikanisch-italienischen Beziehungen.

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