ClaasTatje

Journalist

Ungebremster Andrang

VON CLAAS TATJE | © NZZ

In den USA geht die Babyboomer-Generation in Rente. Das System ist auf den Ansturm nicht vorbereitet. Das erste Kind aus der Zeit des Babybooms in den USA geht in Rente. Die nächsten 19 Jahre werden jeden Tag über 10 000 Menschen folgen. Das amerikanische Rentensystem steht vor dem Kollaps.

Kathleen Casey-Kirschling führt ihr Land in den Ruin und hat nicht einmal ein schlechtes Gewissen dabei. Am 1. Januar ist sie 62 Jahre alt geworden, und in den USA ist dieser Geburtstag die Eintrittskarte zur Rente. «Dafür habe ich hart gearbeitet», sagt die Lehrerin. Den ersten Check bekam sie bereits zugestellt, und es is kein Zufall, dass vor wenigenWochen Michael Astrue, der Leiter der Rentenbehörde, vor «enorme Herausforderungen» für das Rentensystem warnte. Dabei bekommt Casey-Kirschling gar nicht viel, an ihre Rentenzahlung wird das Land auch nicht pleitegehen. Möglicherweise aber an den fast 80 Millionen Rentnern die ihr in den nächsten 20 Jahren folgen werden: Die Babyboomer werden Rentner.

DasModell zerbricht

Jahrelang waren die USA, ähnlich wie die Schweiz, ein Vorzeigebeispiel für ein funktionierendes Mehr-Säulen-Rentensystem. Jeder bekommt in den USA eine Grundsicherung namens Social Security. Dazu gibt es Pensionspläne der Unternehmen, und wenn es dann noch nicht reicht, haben die Amerikaner ihre privaten Ersparnisse. Doch dieses Modell stösst an die Grenzen, es ist für den Ansturm der Babyboomernicht ausgelegt. Babyboomer sind eine statistisch fest erfasste Gruppe, in den USA sind dies Personen, die zwischen 1946 und 1964 geboren wurden. Diese Generation ist nach dem Zweiten Weltkrieg aufgewachsen. Karriere war ihnen oft wichtiger als Kinder, zumal sie dank der Antibabypille die erste Generation waren, die darüber frei entscheiden konnte.

Deshalb zahlen schon heute zu wenige in die Rentenkasse ein, und zu viele wollen wie Casey-Kirschling etwas bekommen. Wenn der letzte Babyboomer 2030 in den Ruhestand geht, sind es nur noch 2 Beschäftigte pro Rentner, die in das SozialversicherungssystemBeiträge einzahlen. Als Casey-Kirschling geboren wurde, waren es noch 16.

Schon jetzt reicht die Grundrente in den USA kaum zum Leben. 3,4 MillionenFamilien leben in Altersarmut und haben damit in einem Zwei-Personen-Haushalt nicht mehr als 12 186 $ pro Jahr zur Verfügung. Und wenn in den nächsten Jahren auch all die anderen Babyboomer auf die gleiche Idee kommen wie Casey-Kirschling und 10 000von ihnen täglich in Rente gehen?«Dann wird das System ruiniert», sagt sie unverblümt. Ohne drastische Reformen wird in 10 Jahren die Rentenkasse jedes Jahr rote Zahlen schreiben und in30 Jahren insolvent sein.

Aber zugunsten ihrer Kinder und Enkelkinder auf einen Teil der Rente zu verzichten, kommt für die resolute Frau nicht in Frage: «Wir haben uns den Hintern abgearbeitet für dieses Land», sagt Casey-Kirschling. Für dieses Land und die eigene Rente, denn zuletzt hat sie 6,2% ihres Bruttolohns nach Washington überwiesen, den gleichen Betrag haben ihre Arbeitgebergezahlt. Jetzt will sie dieses Geld zurück, und die anderen 80 Millionenwollen das auch, wie sie glaubt: «Meine Generation würde sehr wütend werden, wenn man anfinge, die staatliche Rente zu kürzen.»

Der Letzte, der es versuchte, heisst George W. Bush, selbst ein Babyboomer. 2005 plante er eine Teilprivatisierungder Social Security. Die Anlageberaterhofften auf bis zu 940 Mrd. $Provisionen in den nächsten 75 Jahren und rieben sich die Hände. Bushs politische Gegner auch. Bush liess die Idee schnell fallen, der Widerstand selbst in der eigenen Partei war zu gross. Will man nicht den heutigen Rentnern ans Geld, kann der Staat nur den künftigen etwas nehmen. Er könnte Casey-Kirschlings Tochter Beth Ann jeden Monat 2% mehr vom Gehalt abziehen und damit dafür sorgen, dass in Zukunft kein Loch in der Kasse ist, oder er könnte sie länger als bis 62 arbeiten lassen. Oder der Staat kürzt die Ausgaben für die künftige Generation. Damit rechnet die 40-jährige Beth Ann schonlange: «Ich erwarte nicht, dass ich im Alter etwas vom Staat bekomme.»

VerflogeneErwartungen

Die Babyboomer sind einfach zu viele, weiss auch Casey-Kirschling, seit sie ein Buch verschlungen hat, in dem ihr Name gleich in Kapitel eins auftaucht.«Eine Sekunde nach Mitternacht, am Dienstag, 1. Januar 1946, wurde Kathleen Casey als Tochter eines Navy-Maschinistenin Philadelphia geboren», schreibt Landon Jones in «Great Expectations– America and the BabyBoom Generation». Jones beschreibt, wie die Sozialversicherung zum «ökonomischen Rückgrat der Alten» wurde, und warnt vor dem Bankrott.

Seit diesem Warnruf legte Casey-Kirschling jeden Monat ein bisschen auf ein festes Konto zurück. Hätte sie das nicht gemacht, hätte sie wie jeder zweite Amerikaner im Ruhestand von durchschnittlich 1050 $ aus der Social Security leben müssen. Doch weil Casey-Kirschling neben privaten Ersparnissen auch noch eine Lehrerpension erhält, reicht die Rente nun für ein Leben, wie sie es sich erträumt hat – den Winter verbringt sie auf ihrem Holzboot in Florida.

Dafür werden in Zukunft die wenigsten noch Geld haben. Tochter Beth Ann muss sich um ihre Firmenpension sorgen, die zweite Stütze des Rentensystems. Denn auch sie bröckelt. Nacheiner Umfrage des Employee Benefit Research Institute haben in den letzten2 Jahren 17% der Beschäftigten einen Einschnitt bei der Betriebsrente erlebt, weil die Konzerne im Wettbewerb mit Indien und China mithalten wollen. Also muss Beth Ann selber sparen, obwohl die Preise steigen und die Löhne für viele in der Mittelschicht sinken.

Damit zumindest die Babyboomer über die Runden kommen, hat sich neulich ein Fernsehteam von der Social Security in der Küche von Casey-Kirschling eingerichtet. «Ich habe wenig Zeit und habe meine Rente onlinebeantragt», sagte sie in die Kamera und wirbt damit für den Abbau der Bürokratie.«Wenn jetzt alle ihre Rente einfordern, wachen die Politiker hoffentlich auf», sagt Casey-Kirschling. Ihrer Generation hätte sie auch etwas anderes in die Kamera sagen können: Greift zu, solange noch etwas da ist.

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